Brief eines DPD-Arbeiters: Big brother is watching us… (Übersetzung des Artikels aus Yeni Hayat)

  1. Februar 2015

 

Die Leser von „Yeni Hayat/Neues Leben“ kennen die Zustände bei DPD aus nächster Nähe. In dieser Zeitung informieren wir die Belegschaften anderer Betriebe über alle Entwicklungen in unserem Betrieb. Zunächst die Zeitung „Evrensel“, dann „Yeni Hayat/Neues Leben“ war für uns stets eine Plattform, auf der wir uns mit Kollegen aus anderen Betrieben austauschen können.

Viele Leser werden sich daran erinnern: Ende 2008 wurde der Betrieb von Ergo übernommen. 52 Kollegen hatten sich dagegen gewandt und daraufhin wurden 41 entlassen. Es kam zu einem Verfahren vor dem Arbeitsgericht.

Die DPD-Arbeitgeber verfolgten die Entwicklungen nicht tatenlos. Sie übten psychologischen Druck aus. 650 Videokameras im Lager, mit denen die Förderbänder überwacht und Diebstahlfälle verhindert  werden sollten, wurde eingesetzt, um uns zu überwachen und Druck auszuüben. Auf dem Gang zur Toilette, vor dem Büro des Betriebsrates, überall waren Kameras angebracht.

Abteilungsleiter oder Meister warfen unseren Kollegen vor, die Arbeit zu schwänzen oder nicht gut zu verrichten. Dabei legten sie ihnen Fotos vor oder zeigten Aufnahmen der Überwachungskameras.

Wir alle hatten das Gefühl und die Angst, permanent überwacht zu werden. Das brachten wir auch dem Gericht vor und informierten auch die Zeitungen darüber. Die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, der Gerichtsprozess und der psychologische Druck der Überwachung wirkten sich auf viele Kollegen sehr negativ aus. Zu ihnen gehören auch Betriebsräte. Sie hatten damals gegenüber Zeitungen erklärt, dass sie das Gefühl der Überwachung und Verfolgung nicht los werden und auch nach der Kündigung dieses Gefühl haben: „Sie konnten sehen, wie viele Erbsen auf meinem Teller sind. Wie kann ich sicher sein, dass sie mich gerade in diesem Moment nicht beobachten und auslachen?“

Wir waren damals alle Kollegen und Freunde. Von dieser Freundschaft ist heute nichts übrig geblieben. Denn sie stehen heute nicht mehr vor, sondern hinter der Kamera. Ich würde gerne wissen, was sie heute fühlen. Können sie immer noch die Erbsen auf unserem Teller zählen oder uns auslachen? Was machen sie wohl heute? Ob sie immer noch psychologische Probleme haben oder ob es ihnen besser geht?

Big brother is still watching us – wir werden immer noch überwacht. Nur die Kameraleute sind inzwischen ausgetauscht worden. Es hat sich nichts geändert. Dass die Kameraleute ausgetauscht werden, bringt nichts. Sie müssen weg, mit ihren Kameras unter ihrem Arm.

 

Ein DPD-Arbeiter aus Duisburg

 

Zum Originaltext (türkisch): https://paketdrohnen.wordpress.com/2015/02/07/artikel-uber-kameras-bei-dpd-duisburg-yeni-hayat-turkisch/

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